Die Kinder des Mythos

Goethes Farbenkreis

Goethes Farbenkreis

Mythen samt all der alten Götter waren für mich schon in der Schule ganz besonders interessant. Die Griechengötter vor allem, aber auch die Sumerer mit ihrem Ishtar – aus Uruk – das ich als geborener Berliner schon als Kind bestaunen konnte.

Religionen aller Art, zunächst die christliche als die nächstliegende sicherlich, waren dagegen für mich im höchsten Grade uninteressant. Vermutlich hatte ich dennoch von Ferne auch mal vom Buddhismus und Islam gehört, aber nicht eben viel oder Tiefgründiges.

Für bemerkenswert halte ich das eigentlich nur deshalb, dass mir diese für mich selbstverständliche Unterscheidung zwischen Mythos und Religion bis in meine 30er Jahre nicht einmal auffiel.

So selbstverständlich muss sie mir gewesen sein. So unfraglich wie ich das eine (Mythen und Göttergeschichten) liebte und von ihnen fasziniert war, tat ich das andere (Religion und Gott) als Kinderkram ab.

Vielleicht verdeutlicht ja eine Szene aus der Wendezeit, Bahro (Rudolf Bahro) lebte damals noch und ich war durch seine Vorlesungen zu einem seiner Workshops in kleinerem Rahmen (ich glaub, das hieß damals Seminar) eingeladen. Nun, ich das erste mal in dieser Runde von Öko-spirituellen Aktivisten, wurde denn also gebeten, mich in eine Meditation zu begeben.

Was ich weit von mir wies, da ich „Meditieren“ für ein Synonym von „Beten“ hielt – was mir folglich mehr als suspekt war. Nun, ich blieb dennoch im Raum und schaute mir an, wie die Anwesenden für meine Begriffe dahindämmerten oder gar – eindeutig – schliefen. Zu beten schienen sie jedenfalls nicht.

Nach wie vor bin ich vom Thema Mythos fasziniert und halte von Religionen für mich persönlich wenig. Doch so naiv und sozusagen unschuldig wie damals unterscheide ich heute nicht mehr.

Sondern unterscheide inzwischen so:

Mythos – Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Familie, Religion und Kunst

Mordor - der Schicksalsberg

Der Schicksalsberg – einer der zentralen Mythen im Herr der Ringe

Bis vor etwa 2500 Jahren hatten die großen Mythen der antiken Völker eine kultur- ja sogar lebenserschaffende Macht. Due mythischen Beschreibungen einer göttlich erschaffenen Natur und darin aufgehobenen menschlichen Zivilisation sowie ihrer Könige und Helden wirkten orientierend, heilend und Gemeinschaft stiftend in einem.

Das änderte sich erst und auch nur allmählich, als die aufstrebenden Zivilisationen entdeckten, dass es jenseits ihrer Grenzen andere und schließlich ebenso mächtige oder gar mächtigere Zivilisationen gab. Die ihre Welt anders beschrieben – und dennoch oder eben gar besser funktionierten.

Die größten und mächtigsten antiken Reiche hielten sich noch eine ganze Weile in der Überzeugung, dass ihre mythischen Welt-Beschreibungen „wahre“ Beschreibungen „der Wirklichkeit“ wären. Kleinere Gemeinschaften mussten schneller lernen – zumindest in diesem Punkt, dass die Welt größer und anders ist als jahrtausendelang angenommen.

Doch löste sich die Königreich des Mythos nicht etwa in Nichts auf. Seine Macht oder auch Überzeugungskraft und auch seine große Leistungen teilten sich Schritt für Schritt die Kinder, Erben des Mythos unter sich auf : Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Familie, Religion und Kunst. Um die größten zu nennen, die zuerst an Ansehen und Einfluss gewinnen konnten.

Enkelkinder, um im Bild zu bleiben kamen später hinzu: Bildung, Gesundheitswesen zum Beispiel. Oder im Bereich der Kunst: Malerei, Musik, Dichtung – in jedem dieser Reiche gelten andere Spielregeln.

So unähnlich und oft auch uneinig sich die Kinder des Mythos, etwa Wissenschaft und Religion, auch waren, so waren sie in einem doch sehr ähnlich: Sie achteten bis in kleinste Nuancen (in der Soziologie heute als Codes bezeichnet) darauf, sich sorgfältig von allen anderen Kindern und Enkeln zu unterscheiden.

Und noch wichtiger war es ihnen und musste es ihnen wohl sein, sich von ihrem Vater / Mutter, jedenfalls Ursprung abzugrenzen. Zunächst und zumeist in der Form, ihn bis auf´s Blut zu bekämpfen. Besonderes deutlich bei den Herren Wissenschaft und Religion zu beobachten.

Doch einem der Mythos-Kinder sollten seine Ursprungs-Eltern heilig bleiben. Denn es lebte von seinen großen Bildern, Ideen und Geschichten. Das war die Kunst. Ja sie, die Kunst, verstand sich als Erbe ihrer Eltern und ging – auf ihre Weise – auch über sie hinaus.

Dank der Menschen, die sie schufen ob sie das wussten oder nicht – oft wussten oder vielmehr fühlten Künstler es durchaus – zeigten sie in ihren Werken nicht nur die Welt und was sie im innersten zusammenhält. Sondern sie zeigten immer auch sich selbst. Sich selbst als der die das, das die Welt im Innersten zusammenhält.

Über den Autor

Tom Bombadil
Was wird aus Mittelerde im Zeitalter der Menschen?

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