Die Ringträger verlassen Mittelerde

Aragorn Die Nacht verändert viele GedankenAragorn Die Nacht verändert viele Gedanken
Aragorn Die Nacht verändert viele Gedanken

Aragorn Die Nacht verändert viele Gedanken

Auf weißen Wellen
tauchst du in die Ewigkeit.
Wirst du glücklich, wirst du traurig sein;
Gandalf?
Unerreichbar auf ewig.
Für mich.

Singt Aragorn – der sich allein glaubt und streicht mit seiner linken Hand den zarten Stamm des weißen Bäumchens am Springbrunnen.

„Und auch Elrond und Galadriel verschwinden in der Ferne. Nicht nur ich, Elessar, auch du wirst die beiden vermissen.“

Arwen war, so lautlos, dass Aragorn ihre Schritte nicht hörte, durch den Hof gekommen und stand nun hinter ihm, der unverwandt noch immer das Bäumchen anschaute. Sie legte sanft ihre Hände auf seine Schultern. Seit Tagen hatte Arwen die leise Trauer ihres Gatten gespürt. Sie wusste, was seine Schultern schwer werden ließ: Die Ringträger verließen, wohl gerade eben vielleicht, aber sicher in diesen Stunden, Mittelerde.

Aragorn hatte die Hand von Arwen in die seine genommen und seinen Kopf nach hinten an ihren Körper fallen lassen. So sah sie seine Augen nicht, doch spürte Arwen die plötzlich aufwallende Bestürzung in seiner Stimme als Aragorn flüsterte: „Ja liebste Arwen Undomiel. Elrond war unser beider Heimat, solange wir denken können. Einsam ist ganz Mittelerde – ohne die Ringträger.“

„Elessar!“ Mit zwei kleinen Schritten war Arwen um die weiße Bank aus Stein, auf der Aragorn saß, herum und stand nun direkt vor ihm, sodass sie seine grauen Augen unter den Lidern sehen konnte: „Du bist nicht allein. Und die Ringträger vertrauen dir. Sonst wären sie nicht gegangen.“

Arwen stand noch immer vor ihm und keine Gesten, die er gesehen hätte, hatten ihre Worte begleitet. Sie sprach nur selten mit den Händen, doch ihre Stimme vibrierte in kaum hörbar tieferen, bestimmteren Tönen als sonst.

„Du hast Recht, Arwen,“ Aragorn sah hoch zu ihrem schmalen Gesicht und freute sich, sie lächeln zu sehn. Sorgte er sich nicht, mehr als um Mittelerde oder sich selbst, um Arwen Ùndomiel? Arwen würde in Bitterkeit vergehen müssen. Nicht jetzt schon, aber sobald sein eigenes Leben zu Ende gehen würde. Das war ihr Fluch. Und noch wusste er nicht, wie er ihr dieses Schicksal ersparen könnte.

Oft noch war Gandalf in den letzten Jahren hier bei ihnen in Gondor gewesen. Aragorn und Gandalf hatten dann meist auf dieser Bank hier am Springbrunnen und dem noch so kleinen weißen Baum gesessen, an ihren langen Pfeifen gezogen und manches Lied hatte Aragorn auf Gandalfs Bitten gesungen, sodass Gandalf, so sagte er, sie lernen und mitnehmen könne.

Gandalf hatte ihm vieles erzählt bei seinen Besuchen, von Sarumans Ende durch Grima und den tapferen Auenländern, denen es dank Merry und Pippin gelungen war, schließlich auch das Auenland zu retten. Aragorn hatte aufmerksam zugehört, denn sein Palantir, auch wenn er alles sehen konnte in dem Stein was er zu sehen wünschte, zeigte ihm eben nur dies. Er antwortete, wenn Aragorn zu fragen wusste. Nicht mehr und nicht weniger. Saruman im Auenland – wie hätte er wissen können, dass dort etwas geschah, das seine Aufmerksamkeit erfordert hätte.

Von Tom Bombadils Spiel mit dem Ring und dass dieser von Gandalf über alles, was dieser nicht auf seine Weise schon erraten oder erfahren hatte, unterrichtet war, hatte Aragorn erst jetzt, bei den wie immer kurzen Besuchen von Gandalf erfahren. Beiläufig, als dächte Gandalf, Aragorn hätte gewiss von Frodo oder einem der Hobbits längst von Tom´s rätselhaften Verhalten angesichts des Rings gehört. Nein, Frodo und auch die anderen drei Hobbits hatten offenbar andere Sorgen gehabt in den Tagen und Wochen, in denen sie nach Bruchtal, durch Moria nach Lothlorien und schließlich auf der Flucht vor den Uruks gemeinsam unterwegs waren. Tom Bombadil hatten sie vergessen.

Gern hätte Aragorn noch mehr über diesen rätselhaften Tom, auf den Gandalf so große Stücke hielt, erfahren. Und auch über jeden kleinen Rat, den Gandalf ihm noch zum Abschied schenken würde, wäre er froh gewesen. Doch Gandalf blinzelte ihn nur lustig an, wenn Aragorn – so geschickt er auch war – Gandalf einen Rat entlocken wollte. „Nein – Elessar – du bist jetzt erwachsen geworden. Möchte man meinen in deinem Alter, nun endlich. Du wirst es lernen, ohne meinen Rat auszukommen.“

Doch bei seinem letzten Besuch, als Gandalf und Aragorn nicht auf der Bank am weißen Baum gesesssen, sondern hinter der Stadt einen Pfad zu einem Fels über den höchsten Dächern und Türmen der Stadt genommen hatten, hatte Aragorn sich ein Herz gefasst.

„Rat ist nicht alles, was ich mir von dir wünsche, Gandalf. Immer habe ich dir vertraut, selbst wenn deine Zunge bissig war. Und, was mich oft gerettet hat und mir das Unmögliche selbst vertrauter werden ließ – du hast mir vertraut, lange vor allen anderen. Welcher Freund vertraut mir jetzt so unbedingt, so auf Tod und Leben, wie du es getan hast?“

„Ich weiß, mein lieber Elessar, ich weiß.“ Gandalf blieb stehen und atmete tief und mit geschlossenenen Augen, ehe er weiterging. Ihn schien die Steigung hoch zu der Anhöhe, auf die sie gehen wollten, doch mehr anzustrengen, als er gedacht hatte. Doch hatte er darüber offenbar nicht vergessen, was er ihm noch hatte sagen wollen:

„Ja. Elessar, ich habe daran gedacht seit Jahren schon, noch bevor wir hoffen durften, dass wir das Schicksal wenden werden. Faramir, du weißt es, ist wie du, von edler Art und bewandert in den Geschichten um Numenor. Ich selbst habe ihn unterrichtet als er noch ein Kind war.“

„Faramir – ja, ich schätze ihn sehr. Doch“ Kaum sichtbar wäre es für Gandalf gewesen, würde er jetzt zu ihm hinschauen, er selbst aber spürte deutlich, dass sich sein Kopf bedenklich hin und her wiegte. „zwischen ihm und mir steht Eowyn.“

„Tut sie das?“ hatte Gandalf gefragt mit einem schnellen Blick auf das markante Profil von Aragorn, der neben ihm aufrechten Ganges den nun breiten Pfad beschritt, während er, Gandalf, seine Mühe hatte, nicht ins Husten und Schnaufen ob der stetigen Steigung zu kommen. „Was befürchtest du von Eowyn?“

Darüber hatte Aragorn schon einige Male nachgedacht: „Ich fürchte einen Streit der Königinnen. Glaube ich. Er liegt so nah in der Natur der Frauen.“

„Oh ja, ich verstehe“ nickte Gandalf, „böses Blut wäre unvermeidlich und vergiftete ganz Gondor, wenn die beiden Frauen sich um den Rang der Ersten stritten. Doch du unterschätzt Eowyn, wenn du so denkst. In Edoras war sie noch eine Schildmaid, die Jungfrau von Rohan. Heute aber, Aragorn, ist sie eine Frau. Und Eowyn liebt Faramir. Sie ist durch den Tod gegangen – gegen den gleichen Feind wie du. Nein – Eowyn ist nicht an das Schicksal der Frauen – nichts als eine Frau zu sein – gebunden. Wie auch Arwen nicht und Galadriel nicht.“

Gandalf war wieder für einen kurzen Moment stehen geblieben und hatte leise gelacht, sodass er, Aragorn, sich zu ihm drehte. „Ja – es hat an Macht über uns verloren – das Schicksal oder das, was ihr Menschen dafür haltet.“ Doch eine Ermutigung schienen Aragorn die Worte von Gandalf nicht zu sein: „Dass du noch immer in Rätseln und nicht deutlich mit mir sprichst.“ seufzte er ohne Hoffnung, dass Gandalf sich näher erklären würde und ging weiter.

Der rund geschnittene Felsvorsprung, zu dem die beiden hinstrebten, war nun schon in Sicht – nicht viel mehr als einen Steinwurf entfernt. Der Blick auf die weiße Stadt, die nun in rotem und gelben Schimmer leuchtenden Wälder Ithiliens und das dunkel schimmernde Gebirge am östlichen Horizont öffnete sich vor ihren Augen mit jedem weiteren Schritt. Die herbstlich noch warme Sonnenscheibe stand fast im Süden – und malte jetzt halblange Schatten der Türme auf der ihr abgewandten Seite der Stadt.

Sie kannten diesen Blick auf die weiße Stadt und sie liebten ihn. Auch heute hüllten sie die weite, jetzt leuchtend helle Nähe und Ferne, die vertraute Stadt und ihr dunkles Gegenüber so nah beieinander in eine besondere Stimmung, die sie genossen, ohne sie benennen zu können oder auch nur zu wollen. Doch beide Männer wussten, als sie nah beieinander auf dem Felsen standen, dass dieser Moment ihr letzter war.

„Auch mir fällt es schwer, ohne deinen Mut um mich rum zu leben und fortzugehen. Auf ihn habe ich mich verlassen, ja. Meine Aufgabe wäre umsonst und verloren gewesen – ohne dich. Doch meine Sorge, Aragorn“, fuhr Gandalf fort, während sie in die Tiefe und Weite blickten, „gilt noch immer Frodo. Ich kann nicht zulassen, dass er vor Kummer in all dem ausgelassenen Glück um ihn herum, im Auenland zugrunde geht. Wir gehen zusammen in den Westen. Du weißt das. Lass mich ziehen, Aragorn. Weise Faramir nicht länger zurück. Und vertraue den Frauen. Sie haben mehr Vernunft als ein Mann denken kann. Wenn ihre Männer sie lieben.“

Über den Autor

Tom Bombadil
Was wird aus Mittelerde im Zeitalter der Menschen?

3 Kommentare zu "Die Ringträger verlassen Mittelerde"

  1. ja sie könnte ein Anfang sein.
    Wenn Aragorn und Arwen sich nicht einem scheinbar unabänderlichen Schicksal ergeben.
    Immerhin sagt solches ja zum Beispiel Galadriel zu Frodo: Selbst der Kleinste kann das Schicksal ändern.
    Warum sollte es dann so eine mächtige Gestalt wie Aragorn nicht können?

    Das frag ich mich auch immer wieder. Er müsste langfristiger denken – wie die Elben über Zeitalter hinweg. Und er könnte es wohl prinzipiell, als Elbenfreund um nicht zu sagen Elben-Geliebter. Vermutlich aber müsste erst etwas passieren, das ihn aufrüttelt.
    So scharf darauf, nun bis ans Ende seiner Erdentage den guten und weisen König zu geben, kann er doch nicht sein.


  2. arwen:

    Klingt traurig diese Geschichte von Aragorn und Arwen. Oder ist sie erst ein Anfang?

    ja sie könnte ein Anfang sein.
    Wenn Aragorn und Arwen sich nicht einem scheinbar unabänderlichen Schicksal ergeben.
    Immerhin sagt solches ja zum Beispiel Galadriel zu Frodo: Selbst der Kleinste kann das Schicksal ändern.
    Warum sollte es dann so eine mächtige Gestalt wie Aragorn nicht können?

  3. Klingt traurig diese Geschichte von Aragorn und Arwen. Oder ist sie erst ein Anfang?

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