Was ist ein Mythos oder die Lücke zur Freiheit

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Was ist, was war und was wird sein?

Was ist ein Mythos oder die Lücke zur Freiheit, selbst zu entscheiden, wie ich handeln will. Hier hat Aragorn gerade die Entscheidung getroffen, die Aufmerksamkeit von Sauron auf sich selbst zu lenken.

Mythos ist ein Begriff, den man heutzutage erstmal klären muss, ehe man ihn verwenden kann. Denn gemeint kann  – je nach Kontext – sehr verschiedenes sein, je nachdem, ob wir es mit Mythen in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu tun haben.

Was ist ein Mythos?

Mythos ist ein Name oder Begriff, den sehr viele Menschen kennen und mit eher rätselhaften Geschichten von Mächten verbinden, die im Hintergrund das Geschehen beeinflussen. Irgendwas an den Geschichten bleibt im Ungefähren, Vagen und entzieht sich der direkten Beobachtung. Denn ein Mythos meint – anders als Wissenschaft – immer mehr als das was er wortwörtlich sagt. Aber ob wir das verdächtig oder interessant finden, hängt vermutlich im starken Maße davon ab, ob solche rätselhaften Mächte in der Vergangenheit und Zukunft oder aber in der Gegenwart wirken.

Fragen wir also, was der Begriff Mythos – je nach zeitlichem Kontext – meint.

Mythische Vergangenheit – Erzählungen

Richten wir unsere fragenden Sinne in die – insbesondere – antike – Geschichte, finden wir in allen Kulturen große mythische Erzählungen. Geschichten wie den Gilgamesch-Epos, die von Sonne und Mond, Tieren und Menschen und den Fragen nach Leben und Tod berichten. Schöpfungsgeschichten, Heldenmythen, Stadtmythen. Man könnte auch sagen Welterklärungen aus dem mythischen Zeitalter.

Die Welt der antiken Götter gehört in den Bereich dieser Art von Mythos. Das meint: Das sind Götter-und Heldengeschichten aus vergangener Zeit, an die heute nicht mehr geglaubt wird. Sie wurden auch damals nicht geglaubt. sondern sie zeigen eine Welt, in der ausnahmslos alles eine – tiefe – Bedeutung hatte. So können selbst heutige Leser sich als eingebunden erleben in eine große Erzählung vom Leben. Und wer sich – heute – auf das Lesen, Hören, Sehen, Spielen solcher großen Mythen einlässt, spürt vielleicht so etwas wie den Atem der Geschichte.

Unsichere Gegenwart – Ideologien

Bilder ganz anderer Art, erzeugen wir, wenn wir – auf Gegenwart bezogen – von bloßen Mythen sprechen oder lesen. Das Wort Mythos steht, auf Gegenwart bezogen, meist nicht allein, sondern wird so etwas wie Fakten, Wahrheit oder Wirklichkeit gegenüber gestellt.

Mythos also im Sinne von Lüge, zusammen gesponnen oder nur eingebildet. Verschwörungsmythen, Marketingmythen soweit das Auge reicht.

Was wahr und was Lüge ist an Behauptungen, Erinnerungen und Erklärungen, sollte man jedenfalls sehr genau unter die Lupe nehmen. Verständlicherweise. Denn in der Gegenwart brauchen wir Klarheit, Faktenwissen, Wissenschaft, um handeln zu können. Handeln können wir ja immer nur in der Gegenwart.

Offene Zukunft – Visionen

Mythos im Sinne von Vision, Ideal oder Vorstellung einer idealen Zukunft.

Tja – wer hat heute noch eine Vision? Eine so umfassende Vision, die sich auf die ganze Menschheit bezieht? Nietzsche sprach bzw. schrieb explizit vom Mythos der Zukunft. Und wurde, was man inzwischen von vielen großen Visionen sagen kann, in einem Sinne ausgelegt, die das was er träumte, ins ziemlich genaue Gegenteil verdrehte.

Mythos und andere Welterklärungen: Philosophie, Kunst, Wissenschaften und Religion

Ein Mythos hat seit allen Zeiten die Aufgabe, sich und anderen die Welt als Ganze zu erklären – im Großen wie im Kleinen.

Ähnlich, wie, aber doch ganz anders als, Philosophie, Kunst, Wissenschaften und Religion dies taten und nach wie vor tun. Auch sie erklären uns Welt, erklären uns die Welt als Ganze. Besser gesagt, mit Luhmann gesprochen, wir erklären uns selbst unsere Welt mit ihrer Hilfe.

Aus dem Mythos, aus Mythen und Welt erklärenden Geschichten entwickelten Philosophie, Kunst, Wissenschaften und Religion sich zu eigenständigen Formen von Welt-Erklärungen. Erklärungen, die miteinander zu konkurrieren begannen, wer von ihnen die Deutungshoheit inne hat.

Und Erklärungen, Selbstbeschreibungen sagt Luhmann, von uns selbst und der Welt sind lebensnotwendig. Ohne überzeugende, beruhigende, ermunternde Erklärungen, erklärende Beschreibungen und Deutungen dessen, was wir erleben, könnten wir uns nicht orientieren.

Ohne Welt-Erklärungen blieben wir Tiere. Tiere, die keine Mythen, keine Wissenschaften, keine Religion, Philosophie oder Kunst entwickeln, sondern nur das unmittelbare Geschehen erfahren. Vergangenheit und Zukunft kennen sie nicht.

Eine heute sehr mächtige Erklärung der Welt erzählt, dass die Welt so ist wie sie ist. Dass wir sie erkennen, berechnen und beherrschen können.

Was durchaus seine Vorteile hatte. Zum Beispiel den, dass es so etwas wie funktionierende Technik gibt.

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Die Deutungshoheit der Mythen schwindet

Die Deutungshoheit über die Welt als Ganzes haben die Mythen inzwischen verloren. Mit ihrem Höhepunkt, europäisch gesehen, der griechischen Polis zu Zeiten von Sokrates, näherte sich das mythische Zeitalter seinem Ende.

Was ist ein Mythos - die Kraft der Mythen Und die mythischen Geschichten, Göttergeschichten, Heldengeschichten, erwiesen sich mit wachsender Komplexität als begrenzt, als zu begrenzt.

Sie waren in räumlich überschaubaren Gegenden entstanden. In der Welt des Nildeltas, oder entlang der Flüsse von Euphrat und Tigris, des Indus-Flusses oder des Amazonas oder auch von Inseln wie Australien, deren Ende und Grenze das Meer war, das sie umgab.

Wahrscheinlichkeiten ließen sich in solch überschaubaren Räumen recht gut abschätzen. Gut genug oft genug, um einen verlässlichen Rahmen für selbst langfristige sinnvolle Entscheidungen zu haben.

Das änderte sich, als diese kleinen Welten mächtiger und damit größer wurden – und aufeinander zu treffen begannen.

Auf geheimnisvolle Kräfte zu verweisen, die zwar nicht sinnlich wahrnehmbar sind, aber dennoch das Geschehen entscheidend beeinflussen – das reichte nun nicht mehr.

Und so verloren die Mythen nach und nach an Überzeugungskraft. Sie wurden schwächer und schwächer – bis sie schließlich, für viele ausschließlich, zur Erinnerung an eine lang vergangene Welt wurden.

Was ist ein Mythos der Zukunft oder könnte es sein?

Heute brauchen wir einen Mythos der Zukunft, der die ganze Welt umfasst. Einen Mythos der ganzen Erde – wie  Joseph Campbell es in seinen Büchern auf den Punkt bringt.

Und er fügt hinzu: Ein Mythos der ganzen Erde kann nicht erfunden werden. Er muss wachsen – aus Bildern und Geschichten der alten Mythen, die sich wandeln durch die – ganz anderen – Bilder, die ganz anderen Erfahrungen von Menschen in unserer Zeit.

Ja, das denke ich auch. Ein Mythos im Sinne von wünschenswerter Vision kann niemand einfach so erfinden. Ein Kind ihrer Zeit und im besten Fall Zwerge auf den Schultern von Riesen sind Forscher, Philosophen und Visionäre anderer Herkunft ja auch.

Walter Ötsch beschreibt dieses Eingebundensein selbst von Sokrates & seinen Schülern zum Beispiel in seinen Vorlesungen über die Anfänge der Philosophie im antiken Griechenland.

Kommunismus als Vision

Der Kommunismus verstand sich als Vision für die Menschheit. Eine Vision, die an ihren eigenen Beschränkungen scheiterte. Nicht ökonomischen, das natürlich auch, sondern schon vom Ansatz her – der Vision selbst. Es war eine explizit atheistische Vision. Wie Menschen zusammen leben könnten.

Spirituelle Bedürfnisse – über den eigenen Tod hinaus denken, solche Fragen galten (in der DDR jedenfalls) als rückständig. Vielleicht, ist im Moment erstmal nur eine Idee, kann sich Kommunismus in Kuba und China auch deshalb halten, weil die spirituellen Wurzeln lebendiger sind. Zu einem Mythos der Zukunft gehört für mich jedenfalls auch die spirituelle Dimension.

Tolkien als Vision

Tolkien mit seiner Welt von Mittelerde stellte die Frage nach dem Tod in den Mittelpunkt seiner Werke. Auch er versuchte sich gerade in dieser Hinsicht an einem Mythos der Zukunft. Herr der Ringe endet mit dem vierten Zeitalter – das Zeitalter der Menschen. Es sollte ein Zeitalter werden, so lässt Tolkien ahnen, in dem sich Menschen und Elben vermischen und so das (für ihn große zentrale) Problem der Sterblichkeit des Menschen lösen.

Und ich frage mich seit Jahren, ob Tolkien sich nicht in eine Sackgasse manövriert, wenn er das Machtprinzip selbst – den Ring der Macht – als den großen Feind des Lebens ansieht.

Die Lücke zur Freiheit gewinnen

Liber Al vel Legis gibt eine Antwort auf die Frage: Was ist ein Mythos der Zukunft?

Liber Al vel Legis

Meine aktuelle Arbeitshypothese in Sachen Vision ist, dass wir Menschen gerade lernen, bei uns selbst (persönlich) anzufangen. Solche Fragen stellt, so wie ich es verstehe, auf vielerlei Weise das Liber Al vel Legis.

Zum Beispiel: Die Lücke zur Freiheit gewinnen. Von mir selbst aus also gefragt: Wie entdecke ich die Lücken zur Freiheit? Und wenn ich sie entdeckt habe: Wie mache ich aus der Lücke einen Raum? Wie orientiere, strukturiere, korrigiere ich mich selbst, wenn ich die Sicherheit äußerer und innerer Zwänge zum Handeln hinter mir lasse? Wenn ich nicht nur faktisch einzigartig bin, sondern mich auch als einzigartig erlebe?

Und schließlich die spirituelle Dimension: Kann sich meine Einzigartigkeit in einem kurzen biologischen Leben überhaupt zeigen? Brauche ich dafür nicht eine viel weiter reichende Perspektive von mir selbst?

Weitere Visionen oder Entwürfe von Visionen, deren Spuren ich folge:

Niklas Luhmann

Jens Corssen

Literaturquellen:

Joseph Campbell: Die Kraft der Mythen
Walter Ötsch: Weltbilder
Aiwass: Liber Al vel Legis

Bildquellen:

© Der Herr der Ringe, Die Spielfilm Trilogie / Special Extendend DVD Edition / Warner Film Video / New Line Cinema